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Starkes Plädoyer gegen Krieg /

Einen in vielerlei Belangen passenderen Rahmen hätte es kaum geben können für den Stoff aus dem Dreißigjährigen Krieg mit seinen regionalen Bezügen. Die Kirchenruine von Kloster Arnsburg war am Wochenende Schauplatz für eine besondere Produktion der »Oper Schloss Laubach«: Auftragswerk und Uraufführung – das ist etwas herausragend Neues seit Bestehen des Vereins (2001). Einblicke in die Arbeit ließen – wie mehrfach berichtet – die Spannung schon im Vorfeld steigen. Das Musikwerk »In Gottes Namen« hatte am Freitag Premiere.

Hinter dem Titel verbirgt sich ein düsteres Kapitel aus dem 17. Jahrhundert: Der Krieg von 1618 bis 1648, der auch unsere Region mit Schlachtenlärm und Leid überzog. Religiös motivierte Kampfhandlungen und machtpolitische Verschiebungen generierten bittere Schicksale, ließen Menschlichkeit und Liebe wenig Platz. In dem neuen Stück sind Kriegsszenerie mit persönlichen Lebenswegen verflochten. So ist die Geschichte vom Vogelbärbchen einbezogen, die ihren vermissten Sohn sucht. Die Legende verarbeitete Justus Treumund alias Carl Glaser literarisch. Und mit diesem Roman von 1863 aus der Laubacher Bibliothek kam das Projekt vor drei Jahren ins Rollen. Hausherr Karl Georg Graf zu Solms-Laubach fragte bei dem Theatermann Marcus Everding auf Grundlage des Buches für ein Libretto zu einer Oper an. Für die Komposition konnte der Wiener Guido Mancusi gewonnen werden.

Premierenpublikum berührt

Als Oper angekündigt, hat der Zweiakter jedoch eher die Form eines szenischen Oratoriums. Das verleiht dem Stoff dramatische Lebendigkeit im Wechsel von Sprache, Sprechgesang, Arien, Rezitativen und Chor; überzeitlich ansprechend auch die »eingefrorenen« Szenen. Eine gelungene Mischform der Stile, die an die Mysterienspiele des 17. Jahrhunderts erinnert und überaus perfekt in die wuchtige, strenge Architektur der spätromanischen Basilika passt.

Nun hat der Arnsburger Bau aus der Zeit kurz vor 1200 andere Ausmaße als die mächtige Bad Hersfelder Ruine, doch wie der Raum in die Inszenierung einbezogen wurde, das erlaubt durchaus Assoziationen. Das Bühnenpodest steht in der Vierung; die Ostapsis dahinter mit ihrer Bogenöffnung bietet mehr Tiefe als die hohe Efeuwand auf der Westseite. Optisch und akustisch ein Wurf ist die »Überdachung« mit Sackleinen über Baumstämmen und die Einbeziehung der Seitenschiff-Bögen etwa für dramatische Aktionen wie Feuerschein (Fackeln) oder Schauspieler.

Denn die Neuproduktion gestalteten sowohl Schauspieler als auch Sänger, die sich unter der Regie von Marcus Everding eher sparsam, aber dem bildhaften Konzept angemessen bewegten. Der Leiter der Carl-Orff-Festspiele in Andechs arbeitete eng zusammen mit dem Bühnenbildner Hans-Jürgen Burmester; die schlichten Kostüme entwarf Emma Gräfin zu Solms-Laubach. Wohlberaten war man als Zuschauer mit einem Textbuch, denn manche Szene erschloss sich so klarer. Mit Pause etwa zwei Stunden Open Air bei angenehmen Temperaturen, wenn man sich auch den zweiten, textlastigen Teil etwas komprimierter gewünscht hätte; ein Verzicht auf Unterbrechnung wäre dem Spannungsbogen noch besser bekommen.

Komponist Guido Mancusi hat eingängige, illustrative Musik geschrieben. Disharmonien stehen neben harmonischen Klängen. Machtvolles Schlagzeug schafft kriegerische Atmosphäre im Marschtempo bis hin zu brutalen Effekten. Bedrohlichkeit schwebt als Piano-Teppich in Sekundenharmonien über dem Geschehen. Auch üppige Breitwand-Filmmusik findet statt. In der prägnanten Rhythmik ist Carl Orff präsent, im Vorspiel zum 2. Akt ist gar der Impressionismus nicht weit. Das »Dies irae« klingt an. In den kurzen Intermezzi werden Renaissance-Tänze zitiert, und wie ein roter Faden zieht sich die gekonnt verfremdete Choralmelodie »O Haupt voll Blut und Wunden« durchs Geschehen, das mit einem Trompetensignal beginnt und endet. Dazwischen schöne Bläsereinsätze und vor allem eine wundervoll elegische Cellomelodie.

Für die Realisierung war das Volkswagen-Orchester gewonnen worden, das komplett bestückt bis hin zu Orgel und Harfe den Raum vor der Bühne füllte. Den Dirigentenstab hatte am Premierenabend der Komponist selbst vom musikalischen Leiter Hans Ulrich Kolf übernommen. Maestro Mancusi brachte zusammen mit den rund 50 Musikern seine ansprechende, klug gebaute Melange mit hoher Professionalität herüber. Die Einstudierung des Laubacher Festspiel-Chores lang in Wolfgang Schults Händen. Die rund 30 Sänger und Sängerinnen kommentierten das Geschehen in antiker Tradition beschreibend und verstärkend in präzisem Zusammengehen. Überzeugen konnten auch die Solisten, zumal die vier »Künder«, gleichsam Oratoriensolisten von Sopran bis Bass: Stephen Chaundy, Lorin Wey, Elisabeth Fruhmann und Andreas Hörl. Mit intensiver Dramatik gab die Sopranistin Alla Perchikova die Mutter ohne Namen, die am Schluss ihre strophisches Plädoyer gegen Hass und für die Liebe vorträgt.

Als altes Vogelbärbchen gefiel mit ein wenig schwachem Sopran Marika Steinbach. Stimmlich und darstellerisch stark Christina Laas als Bürgermeisterstochter Gertrud. Prägnant Isabell Korda in der kleinen Rolle der Gräfin. Bei den männlichen Sängerdarstellern imponierten Marco Wohlwend als Augustin, Florian Fisch als Cornett Julian, Wolf von der Burg als Bürgermeister Croll des Städtchens Wetter und Martin Dudeck als tapferer Pastor Hirsch in Laubach. In Nebenrollen Sebastian Goller, Oliver Vilzmann, Marcus Licher, Wolf von der Burg (mit ihm alterniert Karl Georg zu Solms-Laubach als Holzknecht Kurt).

»In Gottes Namen« soll Geschichte in der Gegenwart lebendig machen, der Fackel des religiösen Krieges die des christlichen Humanismus entgegensetzen, so Gastgeber Karl Georg Graf zu Solms-Laubach zur Botschaft des Stücks. Wie dieses Welttheater realisiert wurde, ließ in der Premiere niemanden unberührt; das Publikum applaudierte mit abgestuften Bravos ausgiebig.

Gießener Allgemeine Zeitung | 08.09.2014

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